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Von
Oliver Keßler GIESSEN.
Schon „Momo“
merkte, dass Zeit ein wertvolles Gut und nicht mit Geld
aufzuwiegen ist. Das ist einer der Hintergedanken von
Tauschringen. Darin schließen sich Menschen zusammen, die
sich gegenseitig helfen. Arbeit wird gegen Arbeit getauscht, ohne
dass auch nur ein Cent fließt. Die „Währung“
orientiert sich nicht nach dem Euro-Wert, sondern nach der
eingebrachten Zeit.
350 Tauschringe gibt es in Deutschland
bislang. Drei sind in und um Gießen zu finden.Der
professionellste feiert bald sein einjähriges Bestehen. Im
März 2002 kam im Rahmen der Lokalen Agenda 21 der Biebertaler
Tauschring zur Welt. Seine Mutter ist Martha Cremer-Bach. Die
promovierte Agrarwissenschaftlerin hatte bereits Mitte der
achtziger Jahrein Berlin von dem Thema gehört.
„Da
gab es das schon und ich fand das eine sehr gute Idee.“
Marmelade gegen Kinderbetreuung, Gartenarbeit gegen
Geigen-Unterricht, Autoreparatur gegen einen gebrauchten
CD-Spieler: Jeder kann seine eigenen Fähigkeiten einbringen
und erhält dafür das, was er selbst benötigt. Oder
wie es Martha Cremer-Bach formuliert: „Da gibt es vielleicht
jemanden, der Winterreifen aufziehen kann, aber große
Schwierigkeiten hat, zum Beispiel ein Bewerbungsschreiben zu
verfassen.“ Nachbarschaftshilfe hieß das früher
einmal. „Begeistert hat mich an der Idee das Geben und
Nehmen, das menschliche Miteinander, das nicht über den
Geldfluss funktionieren muss“, erklärt sie. Zudem sorge
er für eine Aufwertung von vielerlei Tätigkeiten, die
häufig als geringfügig betrachtet würden.
Und
wie soll das in der Praxis funktionieren? Über die dreimal
jährlich er-scheinende Marktzeitung oder auf der
Internetseite erfahren Mitglieder von Ange-boten und Nachfragen,
die zuvor über die Tauschring-Verwalterin eingetragen worden
sind. Hinter dem Angebot steht in einer Klammer eine Nummer, die
für Nichtmitglieder anonym ist. Mitglieder haben hingegen
eine Liste aller Teilnehmer mit Telefonnummer. Ist die Leistung
erbracht oder das Geschäft gemacht worden, hat die 44-jährige
Biebertalerin eine spezielle Software zur Buchungsverrechnung.
Jedes der rund 50 Mitglieder hat ein eigenes Zeitkonto, auf dem
die Talente ein-gezahlt werden. Talent ist die Währung und
hat den Wert einer Viertelstunde. In anderen Tauschringen heißen
die Währungen Peanuts, Batzen oder auch Schmarren. Für
eine Stunde Arbeit werden folglich vier Talente gutgeschrieben und
der Tauschpartner bekommt für die Annahme der Leistung vier
Talente als Soll angerechnet. Dadurch entsteht ein eigener
Währungskreislauf . „Bei unserem Tauschring
machen vor allem Leute mit, die in einem engen finanziellen
Spielraum zurechtkommen müssen. Ältere Menschen,
Studenten oder Leute, die keinen Beruf haben.“ Bisher fand
eine fast neue Futonmatratze einen neuen Besitzer oder auch eine
Waschmaschine: „Da ist ein Paar zusammen-gezogen und eine
Maschine blieb übrig und die steht jetzt bei einer Frau,
deren Maschine kaputt gegangen ist.“ Im Sommer und Herbst
waren besonders Garten-arbeiten gefragt. Sie selbst hat davon
profitiert, denn nur fünf der vielen Pflanzen im Garten
kaufte Martha Cremer-Bach. „Die anderen kamen irgendwie über
den Tauschring zusammen.“ Die Aufnahme in den Biebertaler
Tauschring kostet einmalig fünf Euround danach ein Talent pro
Quartal für die Verwaltung. Auch der Gießener
Burkhard Löhr hat sich gedacht „Das ist eine feine
Sache“, als er Ende 1998 im Fernsehen einen Beitrag über
Tauschringe gesehen hatte. „Ich hatte Schreibarbeiten zu
erledigen, die dann jemand anderes für mich machen konnte.“
Zeitgleich war Richard Fritsch aus Krofdorf dabei, einen
Tauschring aufzubauen. Beide warfen ihre Ideen in einen Topf und
gründeten am 2. Oktober 1998 den Tauschring „Tauschen
statt bezahlen“. Die 85 Mitglieder, davon rund 40 aktive
Mitglieder, tauschen nach den gleichen Regeln wie auch ihre
Rodheimer Kollegen
Die Kontaktaufnahme wird über eine
Marktzeitung ermöglicht, die zweimal jährlich
umfrangreich erscheint und dazwischen monatlich immer wieder
aktualisiert wird. „Ein Mitglied ist gerade dabei, eine
Internetseite aufzubauen“, sagt Burkhard Löhr. An jedem
ersten Freitag im Monat treffen sich die Mitglieder im MTV-
Clubraum im Heegstrauchweg 3, um sich über die gemachten
Tauscherfahrungen auszutauschen.
Die Mitgliedschaft bei
„Tauschen statt bezahlen“ kostet einen Punkt (=
Viertel-stunde) für Verwaltung im Monat, macht zusammen drei
Stunden im Jahr. Jedes Mitglied hat eine Teilnehmerliste und
stellt darüber den Kontakt her. Aus seiner Sicht gibt es –
wie im wirklichen Leben – nur ein Problem: „Die Leute
haben Angst, in das Soll zu geraten.“ Das wiederum muss
schon mal sein, da ansonsten das Tauschsystem nicht an Dynamik
gewinnt.
Ein weiteres Tauschring-Projekt findet sich
südlich von Gießen. Im „Bürger-Netzwerk
Linden“ wird seit August 2001 ein Tauschring aufgebaut. Gerd
Wiesmeier kann bislang erst auf fünf Mitglieder verweisen.
„Bis Ende 2003 wollen wir etwa 20 bis 30 Mitglieder haben“,
sagt der Projektleiter jedoch.Eine Aufnahme- oder
Verwaltungsgebühr gibt es in Linden nicht.
Die Währung
heißt hier Bürger-Stunde und entspricht einer
Zeitstunde. Neu-mitglieder erhalten ein Startkapital von fünf
Bürgerstunden. Sind die verbraucht, müssen durch eigene
Leistung neue erworben werden. Anfragen werden über das
Formblatt „Ich suche -ich biete“ gebündelt. Eine
Angst vor einem Stunden-Soll gibt es hier nicht. „Es kann
nur soviel in Anspruch genommen werden, wie hier selbst erworben
wird.“
Die Angebote und Gesuche werden ab April im
Agenda-Büro ausliegen. Eine Vereinszeitung wird es bei 20
oder mehr Mitgliedern geben. „Unser Ziel ist es,
Tauschaktivitäten in Stadt und Landkreis Giessen zu
vernetzen“, erklärt Gerd Wiesmeier. Der neu gegründete
„Förderverein Lokale Agenda 21 für Stadt Gießen
und Landkreis Gießen e.V.“ soll sich unter anderem
auch für dieses Projekt einsetzen.
Aus der
alternativen Ecke kommt eine etwas andere Tauschidee. In Gießen
hat der Infoladen (Alter Wetzlarer Weg 44) mit der Einrichtung
einer Umsonstladen-Ecke begonnen. Dabei handelt es um eine Art
festinstallierten Flohmarkt, zu dem etwas gebracht, etwas genommen
oder eben auch getauscht werden kann. Wer etwas loswerden will,
kann dies jeden Dienstag ab 20 Uhr tun: Irgendwer kann es sicher
gebrauchen.
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